Wie Du ein ETF-Investment startest. Und warum.

Eines vorne weg: dieser Artikel ist keine Anleitung, wie Du ein Depot eröffnest, einen oder zwei ETFs auswählst und einen Sparplan anlegst. Er ist eher eine etwas philosophische Betrachtung der Hintergründe.

Die Ausgangssituation ist, dass Du irgendwie das Gefühl hast, Dein Geld investieren zu müssen. Statt es nur „herumliegen“ zu lassen und der Inflation auszusetzen. Du hast gehört, dass ETFs das Vehikel der Wahl sind, um mit möglichst geringem Aufwand und Risiko am globalen Aktienmarkt teilzuhaben. Aber Du hast keine Ahnung, wo Du anfangen sollst und wie Du den richtigen ETF findest.

Ich meine, die Auswahl konkreter ETFs ist einer der letzten Schritte bei der Erstellung einer Investmentstrategie. Wenn Du die vorangegangen Schritte sorgfältig gemacht hast, ist die konkrete Auswahl sogar fast egal. Trotzdem stellt sich für viele Anfänger ziemlich früh die Frage: was ist der richtige ETF? Was ist der beste ETF?

Warum Rendite? Warum Geld?

Zuerst müssen wir klären, was ein ETF leisten soll. Klar, er soll die Entwicklung eines Index nachbilden*. Aber was bedeutet das für Dich? Warum willst Du einen Index abbilden? Du willst sicher, dass Dein Geld für Dich arbeitet. Rendite abwirft. Es soll nicht „herumliegen“ und nicht von der „Inflation aufgefressen werden“. Das alles sind valide Motivationen. Aber trotzdem kann ich Dich weiter nach dem „warum“ fragen. Warum willst Du Rendite? Brauchst Du Rendite?

Geld ist gut. Es gibt ein breites Spektrum an Verwendungsmöglichkeiten für Geld. Es schafft Unabhängigkeit, Wahlmöglichkeiten, Sicherheit. Ohne dabei ins Detail zu gehen sehe ich bei Einzelpersonen zwei Enden eines finanziellen Spektrums. Das Minimalziel: Vermeidung von Altersarmut. Das Maximalziel: die finanzielle Freiheit, also die Unabhängigkeit vom Erwerbseinkommen vor der klassischen „Rente“. Dazwischen gibt es viele Abstufungen:

  • Du kannst Dir problemlos all die schönen Dinge leisten, die dich interessieren
  • Du kannst einen kurzfristigen Jobverlust locker weg stecken
  • Du kannst einfach mal ein Jahr frei nehmen. Oder drei.
  • Du deckst Deine Grundbedürfnisse dauerhaft aus Kapitaleinkünften
  • Du finanzierst Deinen individuellen, Dich glücklich machenden Lebensstil ohne ein Gefühl des Verzichts komplett und dauerhaft aus Kapitaleinkünften

Fast unabhängig von Deiner finanziellen Situation kannst Du mit Deinem Geld Gutes tun. Spenden, oder nützliche Projekte starten. Deine Talente und Fähigkeiten einsetzen, um anderen zu helfen. Je mehr Geld Du hast und je weniger Du es nötig hast, Deine Zeit gegen Geld zu tauschen, desto mehr Möglichkeiten hast Du.

Der Champion: Deine Sparrate

Welches Ziel Du wie schnell erreichst, hängt primär von einer Variable ab: Deiner Sparrate. Für das Minimalziel reicht es wahrscheinlich, über ein typisches Arbeitsleben hinweg 10% Deines Nettoeinkommens zu investieren (keine Angst, wir kommen bald zu den Details). Wer es etwas ernster meint mit dem Vermögensaufbau und den daraus resultierenden Freiheiten und Möglichkeiten, investiert 20 bis 30%. Wer nicht Jahrzehnte auf die finanzielle Freiheit warten will, peilt ehrgeizige 50% und mehr an. In jedem Einzelfall kann man einbeziehen: staatliche und betriebliche Altersvorsorge sowie evtl. vorhandene unselige Riester- und Rürup-Verträge. Ich empfehle aber, sich nicht auf solche Versprechungen zu verlassen, sondern das Thema selbst in die Hand zu nehmen!

Sparen muss nicht verzichten heissen. Viele Leute sind sogar glücklicher, wenn sie weniger ausgeben. In Kurzform: Weniger Stress und mehr Platz durch weniger Zeug. Mehr Zeit durch weniger Shopping. Mehr Gelassenheit durch finanzielle Reserven. Das Erhöhen der Sparrate wirkt übrigens doppelt: zum einen wächst das tatsächliche Vermögen schneller an. Zum anderen lernt man, mit einem kleineren Anteil seines Einkommens auszukommen. Das heisst, das zukünftig benötigte Vermögen wird kleiner.

Das in absoluten Zahlen angesparte Kapital ist in den ersten Jahren die wichtigste Stellschraube. Nicht welche Rendite Du darauf erhältst (ob 0% aufs Tagesgeld oder 6% aus ETF-Investments) und schon gar nicht welche Tracking Difference der ETF hat.

Jeder will Rendite, niemand will Risiko

Mit wachsendem Kapital macht es sich dann immer stärker bemerkbar, welche Rendite Du darauf erzielst. Rendite hängt untrennbar mit Risiko zusammen. Ohne höheres Risiko keine höhere Rendite. Und: ein höheres Risiko wird nicht automatisch mit höherer Rendite belohnt. Da wir diese Diskussion im Rahmen von Indexfonds und ETFs führen, gehen wir davon aus, dass wir mit breit diversifizierten Aktienmarkt-ETFs im langfristigen Schnitt ca. 5-8% Rendite erzielen können**. Mit dem Risiko, dass es Jahre geben wird, in denen wir 50% oder mehr Buchverlust verschmerzen müssen. Und es auch mal ein Jahrzehnt ohne nennenswerte Rendite geben kann! Jetzt kannst Du Dich fragen:

  • Muss ich dieses Risiko eingehen (weil ich die Rendite brauche, um meine Ziele zu erreichen)?
  • Kann ich dieses Risiko eingehen (weil ich in wenigen Jahren keinen bestimmten Betrag brauche, den ich bei 50% Verlust nicht hätte).
  • Will ich dieses Risiko eingehen (kann ich gut schlafen, wenn sich mein investiertes Vermögen auf dem Papier halbiert?) Hier hilft es, das investierte Vermögen nicht mehr als „Geld“ zu betrachten. Es kann zwar tagesaktuell in einen Geldbetrag umgerechnet werden. Aber tatsächlich besitzt man über einen Aktien-ETF Firmenanteile und kein Geld. Man ist investiert in Produktivkapital. Wer in ein Eigenheim investiert, lässt sich ja auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn der aktuelle Marktpreis seines Hauses sinkt – er will es ja nicht verkaufen, sondern darin leben.

Tatsächlich kann es eine Situation geben, in der Du überhaupt nicht risikoreich investieren musst. Nämlich dann, wenn Dein zukünftiger Kapitalbedarf relativ klein, Deine Sparrate aber relativ hoch ist. Oder Du das benötigte Kapital schon komplett besitzt. Dann benötigst Du keine hohe Rendite, um Dein Ziel zu erreichen. Deshalb können sehr wohlhabende Personen niedrige Aktienquoten fahren. Geringverdiener hingegen, die nur einen kleinen Teil ihres Nettoeinkommens zurücklegen können, benötigen den „Rückenwind“ der Rendite, um ihr (Minimal)Ziel zu erreichen. So paradox es klingt: viele Geringverdiener können es sich nicht leisten, nicht in Aktien zu investieren, um ihre „Rentenlücke“ zu schließen. Das ist eine Erkenntnis, die sich in Deutschland nur langsam durchsetzt. „Risikoreich“ bedeutet hier übrigens „kurzfristig starken Schwankungen ausgesetzt“, nicht „mit langfristigem Verlustpotenzial“! Langfristig sind Aktien sicherer als Geldvermögen oder Staatsanleihen, das sollte insbesondere am historischen Beispiel von Deutschland klar werden. Mehrere Staatsbankrotte und Währungsreformen gegenüber einer langfristig erfolgreichen Wirtschaft sprechen eine deutliche Sprache.

Deine eigene Notwendigkeit, Fähigkeit und Bereitschaft zum Investieren in wertschwankende Vermögenswerte bestimmen Deine Aktienquote. Vielleicht fühlst Du Dich mit 50% wohl. Oder Du sagst Dir: am Anfang ist das über Sparraten investierte Vermögen so klein, dass auch 80% oder gar 100% OK sind.

Gehen wir nach diesen etwas theoretischen Betrachtungen davon aus, Du willst ein Teil Deines Vermögens oder Deines monatlichen Überschusses über ETFs in den Aktienmarkt investieren. Die ersten Investmentjahre haben meiner Meinung nach zwei Ziele:

  1. Über die Sparrate nennenswertes investiertes Kapital akkumulieren
  2. Wissen und Erfahrungen aneignen

Punkt 1 haben wir schon behandelt. Wenn man nur 10.000 EUR investiert hat, ist es in absoluten Zahlen nicht sonderlich bedeutend, ob man 0 oder 5% Rendite erhält. Nichts gegen 500 EUR, aber die erhältst Du auch wenn Du mal ein paar Überstunden machst, Dein Handy zwei Jahre länger benutzt oder unbenutzten Krempel verkaufst. Trotzdem und gerade mit geringem Kapital solltest Du möglichst bald investieren. Der in Punkt 2 gemeinte Lerneffekt ist die Grundlage für eine erfolgreiche Investorenkarriere. Wie geht das Investieren überhaupt technisch (Kurzversion: Depot eröffnen, Sparplan einrichten, fertig)? Und vor allem: wie fühlen sich die Wertschwankungen (insbesondere nach unten) für Dich an? Bekommst Du Angst um Dein Geld? Glaubst Du den vielen Experten, die dann in den Medien den dauerhaften Niedergang des Kapitalismus oder das Ende der menschlichen Innovationsfähigkeit beschwören? Oder hältst Du stur Deinen Kurs und investierst weiter?

Welcher ETF denn nun?

Jetzt endlich kommen wir zum Thema „welches ist der richtige ETF“. Dieser Abschnitt wird gar nicht so lang. Wenn Du in Aktien investieren willst, solltest Du möglichst breit streuen. Dies vermindert die Abhängigkeit Deiner Ergebnisse von einzelnen Firmen, Sektoren oder Ländern. Auch relevant und nicht jedem bekannt: die Mehrzahl der weltweiten Aktien erwirtschaftet langfristig gar keine positive Rendite! Die durchaus respektablen (und im Vergleich zu anderen Assetklassen auch höchsten) Renditen der weltweiten Aktienindizes werden von einigen wenigen, dafür umso erfolgreicheren Unternehmen getragen. Man könnte geneigt sein, gezielt nur in diese zu investieren (und all die „Schrott-Unternehmen“ auszulassen). Leider gelingt es niemandem verlässlich und dauerhaft im Voraus, diese Unterscheidung vorzunehmen. Ein Grund, warum so gut wie kein aktiv verwalteter Fonds über lange Zeiträume einen sinnvollen Vergleichsindex schlagen kann. Die Prognosen von „Börsenexperten“ bzgl. einzelner Unternehmen, Branchen und Länder sind statistisch nicht von zufälligen Vorhersagen zu unterscheiden (tatsächlich irren sich die besonders meinungsstarken und bekannten „Experten“ sogar häufiger als 50%. Das liegt wohl daran, dass sie alle Ereignisse durch die Brille ihres spezifischen Fachgebiets zu sehen, z. B. „Inflation“, obwohl die Realität durch ihren wechselseitigen Systemcharakter viel komplexer strukturiert ist.)

Also: um von der langfristigen guten Rendite des Aktienmarktes zu profitieren, ist es wichtig, die wenigen Top-Performer dabei zu haben. Dies ist bei marktbreiten Indizes gegeben. Zwei sehr marktbreite Indizes sind der MSCI All-Country World (ACWI) und der FTSE All-World. Auf letzteren gibt es den Vanguard FTSE All-World ETF der sehr respektierten Fondsgesellschaft Vanguard.
Auf den MSCI ACWI gibt es ETFs von unterschiedlichen Anbietern. Von SPDR gibt es den SPDR MSCI ACWI IMI, der bezieht sich auf den MSCI ACWI IMI, das bedeutet, dass er anders als die vorigen Vertreter zusätzlich auch in sehr kleine Unternehmen investiert. Wenn Du auf die Schwellenländer verzichten kannst, kommt auch einer der zahlreichen ETFs auf den MSCI World in Frage.
Geschmackssache bei ETFs ist, ob man die Dividenden ausgeschüttet oder automatisch reinvestiert („thesauriert“) haben möchte. Je nach aktueller Gesetzeslage kann das auch kleinere Auswirkungen auf die Steuersituation haben.

Mit einem der oben erwähnten ETFs investierst Du auf einen Schlag in deutlich über 1500 (MSCI World), 2500 (MSCI ACWI/FTSE All-World) oder gar 8500 (ACWI IMI) globale Unternehmen. Damit hast Du den Aktienanteil Deines Investmentportfolios hervorragend abgedeckt. Wenn Du später das Verlangen nach feinerer Steuerung verspürst, ist das unproblematisch umzusetzen.
Vielleicht willst Du gewisse Weltregionen wie die Emerging Markets (evtl. höhere Rendite, höhere Schwankungen) stärker gewichten als es die Marktkapitalisierung vorgibt. Oder Du möchtest Kleinunternehmen hinzufügen. Oder vermehrt in ausschüttungsstarke Immobiliengesellschaften investieren. Das ist alles möglich. Und wenn Aufwand und erwarteter Nutzen für Dich stimmen, ist auch nichts dagegen einzuwenden. Mit einem ACWI- oder All-World-ETF fährst Du aber schon den Löwenanteil der Rendite ein, die ein Aktieninvestment zu bieten hat.

Also, alles ganz einfach:

  • Nicht der „Paralysis by Analysis“ verfallen, sondern starten.
  • Die Aktienquote bewusst wählen anhand von Notwendigkeit, Fähigkeit und Bereitschaft zum Risiko.
  • Keine Mode-ETFs mit Multi-Faktor-Hokuspokus kaufen, sondern auf einen klassischen marktbreiten Index setzen.
  • Sparplan einrichten und laufen lassen.
  • Wenn Dich das das Thema nach ein paar Jahren noch interessiert, kannst Du noch etwas am Portfolio herumschrauben. Wenn nicht, dann hast Du das gute Gefühl, dass Du schon vor Jahren angefangen und das richtige getan hast.

Viel Erfolg, und vor allem Geduld!

* wir gehen hier davon aus, dass wir mit ETFs börsengehandelte Indexfonds meinen, wohl wissend, dass es auch ETFs gibt, die keinen Index nachbilden.

** Der MSCI ACWI TRN Index hatte in den 15 Jahren zwischen 2004 bis 2018 in EUR gerechnet eine annualisierte nominale Rendite von 6.9% pro Jahr (geometrisches Mittel). Diese Rendite ist nach Quellensteuern, aber vor den individuellen Steuern des Anlegers, ohne Inflation und ohne die durch ETFs entstehende Nebenkosten zu verstehen (letzere werden in den Tracking Differences der ETFs erfasst). Der höchste Rückgang auf Jahressicht war 2008 mit -39% zu verzeichnen, gefolgt vom stärksten Anstieg 2009 mit +30%. Die 6.9% haben nur Indizienwert. Schon das Hinwegnehmen des ersten Jahres (2004) lässt die Rendite auf 5.4% p.a. sinken. Umgekehrt steigt sie durch Auslassen des Jahres 2018 auf 7.8%. Nehmen wir noch das sehr starke letzte Jahr 2019 (+29%) hinzu sieht wieder anders aus. Das Investieren nach starken Markteinbrüchen wie 2008 wirkt sich natürlich positiv auf die tatsächlich erzielte Rendite aus. Aber es ist keine sinnvolle Strategie, auf einen solchen Markteinbruch zu warten. Erstens könnte er jahrelang nicht kommen. Und zweitens könnte man sein Ende nicht präzise bestimmen (Stichwort Market Timing).

3 Gedanken zu „Wie Du ein ETF-Investment startest. Und warum.“

  1. Hallo Dr. Grummt,

    ich möchte bei den ETFs die Kosten so gering wie möglich halten.
    Für mich ist es sehr wichtig, kostensparend anzulegen.

    Was ist zu beachten ???

    Mit freundlichen Grüßen

    EUER

    Mustafa

    Antworten
    • Hallo Mustafa,

      bestimmen Sie zuerst Ihre finanziellen Ziele.
      Erörten Sie dann Ihre Fähigkeit, Bereitschaft und Notwendigkeit, Risiken einzugehen (in Form von Kursschwankungen, die zu einem persönlich ungünstigen Zeitpunkt auftreten können). Dies bestimmt im wesentlichen Ihre Aktienquote.
      Achten Sie bei der Auswahl konkreter Aktien-Investements primär darauf, breit zu diversifizieren. Hier bieten sich zum Beispiel ETFs auf einen Index wie den MSCI World oder MSCI ACWI an.
      Danach können Sie die Kosten analysieren.
      Der Broker Ihrer Wahl sollte keine Depotgebühren erheben. Ordergebühren werden bei den meisten Anbietern aber fällig. Vergleichen Sie diese anhand Ihrer konkreten Ordervolumina und -häufigkeit. Prüfen Sie, ob Sparpläne oder manuelle Orders günstiger sind und wägen Sie den Vorteil der automatischen Sparpläne gegenüber evtl. minimal höheren Kosten ab.
      Neben den Broker-Kosten entstehen noch Kosten innerhalb des ETFs. Diese können Sie anhand von TER und TD abschätzen. Bei den oben erwähnten marktbreiten Indizes gibt es keine dramatisch teuren Anbieter, so dass Sie nicht viel falsch machen können. Ein weiterer Kostenfaktor sind Steuern. Hier können Sie evtl. Steuerfreibeträge nutzen.

      Viel Erfolg!

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