Die fünf Hürden beim Vermögensaufbau: überspringst Du sie?

William Bernstein, Jahrgang 1948, ist einer meiner Lieblingsautoren im Finanzbereich. Von ihm stammen zahlreiche Klassiker wie „The Intelligent Asset Allocator“ oder „The Investor′s Manifesto“. Mein Favorit ist sein bisher letztes Buch, „Rational Expectations“ von 2014. Denn es enthält in kompakter Form sehr viel nützliches Wissen, das über die sonst immer wiederholten Grundlagen hinausgeht. Es richtet sich ausdrücklich an „erwachsene Investoren“, also nicht an Anfänger.

Am ganz anderen Ende des Spektrums setzt das frei verfügbare Werk „If you Can“ an. Mit ihm wendet sich Bernstein explizit an Anfänger, insbesondere an junge Menschen. Für sie hat er eine deutliche Warnung parat: kümmert euch selbst um eure Altersvorsorge, sonst werdet ihr ein böses Erwachen erleben. Sein Zielpublikum sind US-Amerikaner, aber viele Aussagen lassen sich auf die Situation hierzulande übertragen.

Die Ausgangslage

Eine staatliche Grundsicherung existiert dies- und jenseits des Atlantiks. Diese deckt ganz grob gesagt 50% der im Alter benötigten Einkünfte ab. Das für die andere Hälfte nötige Sparen und Investieren wurde den Bürgern früher durch staatliche und betriebliche Pensionskassen abgenommen. Deren Leistungen werden in Zukunft zurück gehen. Die dadurch entstehende Lücke müssen Arbeitnehmer (und Selbständige sowieso) eigenverantwortlich decken. In den USA können Arbeitnehmer aktuell bis zu 6000 USD direkt aus ihrem Bruttogehalt (also zunächst steuerfrei) in einen so genannten Individual Retirement Account (IRA) einzahlen sowie bis zu 19000 USD in einen 401(k) Account. Diese Accounts können z. B. extrem günstige Indexfonds enthalten. In der Schweiz können Arbeitnehmer in die so genannte Säule 3a knapp 7000 CHF (ca. 6000 EUR) einzahlen, ebenfalls aus ihrem Bruttoeinkommen. Auch hier gibt es mittlerweile die Möglichkeit, in günstige Indexfonds zu investieren (besonders empfehlenswert: VIAC).
In Deutschland besteht diese Möglichkeit zum ETF-Sparen aus dem Bruttolohn leider nicht. Eine Steuerbefreiung erreicht nur, wer in renditeschwache und teure Riester- oder Rürup-Verträge einzahlt. Aktiensparen mit ETFs wird in Deutschland also nicht steuerlich gefördert. Das darf aber keine Ausrede sein, es überhaupt nicht zu tun.

Bernsteins Lösungsansatz

Bernstein empfiehlt eine extrem einfache Strategie. In den ersten Jahrzehnten ist lediglich folgendes relevant:

  1. Spare 15% Deines Einkommens
  2. Investiere dieses Geld zu je einem Drittel in amerikanische Aktien, internationale Aktien und amerikanische Staatsanleihen, jeweils über einen günstigen Indexfonds/ETF
  3. Stelle einmal pro Jahr die Ausgangsgewichtung von je einem Drittel wieder her (Rebalancing)

Der erste Punkt ist sicher unstrittig. 10% sind meiner Meinung nach das Minimum, was man vom erstens bis zum letzten Bruttoeinkommen zurücklegen sollte. Wer nicht schon in seinen Zwanzigern mit dem Sparen anfängt, wird eine deutlich höhere Sparrate benötigen. Bernstein betont, wie wichtig es ist, schuldenfrei zu sein. Auch hierzulande nehmen die Konsumschulden zu, insbesondere bei Autos und Mobiltelefonen, aber auch bei Möbeln, Küchen und sogar Urlaubsreisen sind sie mittlerweile verbreitet. Solche Schulden sind ein Feind beim Vermögensaufbau, den Du mit höchster Priorität bekämpfen solltest.

Der zweite Punkt kann für europäische Investoren sogar vereinfacht werden. Denn hierzulande gebräuchliche „internationale“ Aktien-ETFs (Indizes: MSCI World, MSCI ACWI, FTSE All-World) enthalten bereits ca. 50% US-Amerikanische Aktien, so dass dafür kein separater Fonds benötigt wird. Amerikanische Staatsanleihen sollten mit Staatsanleihen höchster Bonität in der jeweiligen Heimatwährung (also EUR oder CHF) ersetzt werden. Auch Tagesgeld kommt bis zur Höhe der jeweiligen staatlichen Einlagensicherung als Alternative in Frage. Insbesondere wenn die Renditen von Staatsanleihen negativ sind, wie zeitweise in der Schweiz und in Deutschland.

Der dritte Punkt dient primär der Risikokontrolle. Der Aktienanteil soll möglichst konstant bei zwei Dritteln gehalten werden. Dies erfordert, dass der Anleger besonders nach Jahren mit schwacher Rendite verstärkt in Aktien-ETFs investiert. Daraus kann sich unter Umständen ein kleiner „Rebalancing-Bonus“ ergeben.

Bernstein hält fest, dass das Umsetzen dieser Strategie einfach, aber nicht leicht ist. Insbesondere gibt es fünf Hürden zu überwinden. Diese bilden den strukturellen Rahmen seines Werks, das übrigens mit zahlreichen Leseempfehlungen versehen ist.

Hürde Nummer 1: Du sparst nicht genug

Du willst die große Wohnung, das teure Auto, das neue iPhone oder die weite Reise. Denn Du hast es Dir verdient. Du lebst nur einmal. Und überhaupt: Du weisst gar nicht, ob Du später was von all dem gesparten Geld hast! Oder weniger selbstbezogen: Dein(e) Partner(in) hat gewisse Ansprüche, und Du willst Deinen Kindern „etwas bieten“. Es gibt viele Gründe, nicht genug zu sparen, aber im Grunde genommen sind 90% davon Ausreden. „Kann nicht“ wohnt in der „Will nicht“-Strasse, wusste schon Stromberg.

Hürde Nummer 2: Du hast keine finanzielle Bildung

Wer eine Aktie nicht von einer Anleihe unterscheiden kann, wird kein erfolgreicher Investor sein. Ohne ein minimales, problemlos erlernbares Grundwissen im Finanzbereich ist erfolgreiches Investieren ein hoffnungsloses Unterfangen. Bernstein erklärt seinen Lesern kompakt, dass eine Aktie ein Unternehmensanteil ist und eine Anleihe ein Schuldtitel. Wobei die Aktie ihr höheres Risiko durch eine höhere erwartete Rendite rechtfertigen muss. (Die erwartete reale Rendite von Aktien lässt sich mit der aktuellen Dividendenrendite plus die jährliche Dividendensteigerung abschätzen, aktuell also ca. 3.5% für US-Aktien und 4.5% für „internationale“ Aktien. Nominal, also unter Berücksichtigung der Inflation, wären das ca. 5.5% bzw. 6.5% pro Jahr.) Aktien können kurzfristig und unverhofft dramatisch an Wert verlieren. Es gelingt keinem aktiven Fondsmanager, einen sinnvollen Vergleichsindex dauerhaft zu schlagen. Und das aktive Investieren in seiner Gesamtheit ist für Privatanleger ein „Spiel für Verlierer“.

Hürde Nummer 3: Du hast kein Wissen über die Geschichte der Finanzmärkte

Ohne dieses Wissen wirst Du die unvermeidlichen, unvorhersehbaren und heftigen Kursverluste als einzigartige und permanente Ereignisse einschätzen. Die Kenntnis über vergangene Booms und Crashes hilft Investoren, aktuelle Geschehnisse besser einzuschätzen und turbulente Zeiten nicht als einzigartig, sondern als normal wahrzunehmen.

Hürde Nummer 4: Du selbst

Hier geht es darum, das Wissen über die Finanzmärkte und ihre Geschichte anzuwenden. Dauerhaft und furchtlos. Andernfalls wirst Du auf Basis Deiner fehlerhaften Einschätzung (siehe vorheriges Hindernis) im falschen Moment Aktien verkaufen. Nämlich genau nach starken temporären Kurseinbrüchen.

Hürde Nummer 5: Die Finanzindustrie

Banken, Finanzdienstleister, Fondsgesellschaften etc.: sie alle wollen Geld verdienen. Dein Geld. Wer unwissend oder unvorsichtig ist, wird ausgenommen. Das ist in Europa nicht anders als in den USA (teilweise sogar mit staatlicher Unterstützung, Stichwort Riester). Wer Versprechen von hoher Rendite mit minimalem Risiko glaubt, hat einen Mangel an finanzieller Bildung (Hindernis 2). Damit ist er ein ein leichtes Opfer in „Beratungsgesprächen“, aber auch online. Blogs, die mit Hilfe von Affiliate-Links Finanzprodukte empfehlen, solltest Du mit gesundem Misstrauen behandeln.

Fazit

Wer Bernsteins minimalistischen Investmentansatz aus „If you Can“ dauerhaft umsetzt, hat schon viel gewonnen. Er hat eine vernünftige Sparquote von 15% und investiert dieses Geld über günstige Indexfonds in tausende Aktien sowie in sichere Staatsanleihen. Bernstein betont, wie diese Strategie trotz ihrer Einfachheit von vielen Seiten angegriffen wird. Die Sparrate wird von unseren Konsumwünschen torpediert (Hürde 1). Die Auswahl unserer einfachen und billigen Indexfonds versucht uns die Finanzindustrie madig zu machen (Hürde 5). Und unser mangelhaftes Wissen über die Finanzmärkte und ihre Geschichte verleitet unsere eigene Psyche dazu, im falschen Moment unsere Strategie über Bord zu werfen (Hürden 2 bis 4). Bernstein hat all diese Aspekte kompakt herausgearbeitet. Wer sich neben dem mehrmaligen Lesen von „If you Can“ auch durch all die Leseempfehlungen arbeitet, wird für ein erfolgreiches Investorenleben gerüstet sein. 

Hinterlassen Sie einen Kommentar