Ist dies die nächste Wirecard?

Ich gebe es zu: ich checke fast täglich die Börsenkurse. Indexstände, Wechselkurse, Rohstoffpreise. Nicht weil es mir einen besonderen Nutzen bringt. Sondern rein aus Interesse. Zur Unterhaltung. Und vor allem: weil ich es aushalte. Ich laufe nicht Gefahr, dumme Entscheidungen aufgrund von irgendwelchen Meldungen zu treffen. Meine „Buy&Hold&Rebalance“-Strategie bleibt unberührt.

Allgemein empfehle ich, Dich von Börsenkursen und „News“ fernzuhalten. Gerade wenn Du merkst, dass Dich ihr Konsum zu viel Zeit kostet oder negativ beeinflusst. Davon abgesehen kannst Du aus der zeitversetzten Lektüre von „Finanznachrichten“ aber auch einiges lernen.

Finanznachrichten vom Feinsten!

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Die Wirecard AG ist ein DAX-Unternehmen. Ein deutscher Konzern im sogenannten „Prime Standard“ der deutschen Börse. Wirecards Aktienkurs ist innerhalb von weniger als zwei Jahren von knapp 200 EUR auf unter 2 EUR gefallen. Das sind 99% Verlust vom Allzeithoch (Herbst 2018 bis Sommer 2020). Das Unternehmen hat mittlerweile einen Insolvenzantrag gestellt.

Eine Textzeile habe ich in den letzten Monaten aber immer und immer wieder gelesen: „Ist dies die nächste Wirecard?„. Gemeint war dabei nicht etwa der nächste Pleitekandidat, sondern das nächste tolle Einzelaktieninvestment! Wirecard als Paradebeispiel für einen glorreichen „Stock Pick“!?

Hier ein paar Überschriften, die auf onvista.de erschienen sind:

  • „Folgt 2020 der Durchbruch für die Wirecard-Aktie?!“ (13.01.20)
  • „Das beste Investment des letzten Jahrzehnts war … nicht die Wirecard-Aktie – aber beinahe!“ (14.01.20)
  • „Wirecard-Aktie: Jetzt nimmt das operative Geschäft an Fahrt auf!“ (21.01.20)
  • „Wirecard: Fusionen und Übernahmen zeigen, wie günstig die Aktie jetzt ist!“ (04.02.20)
  • „Der Vergleich mit Square zeigt, wie günstig die Wirecard-Aktie jetzt ist!“ (12.02.20)
  • „Wirecard-Aktie nimmt Kurs auf 100 Euro. Jetzt noch schnell einsteigen?“ (11.06.20)

Was meinst Du, wie viele Privatinvestoren sich das durchgelesen haben? Und wie viele sich davon haben beeinflussen lassen? Sollte man Mitleid haben? Oder „selbst schuld“ sagen?

Warum wird solcher Ramsch überhaupt in die Welt gesetzt? Ganz einfach, weil sich damit Geld verdienen lässt! Nicht für den Investor, sondern den Anbieter der zweifelhaften Inhalte.
Die überlegene und simple Strategie des langfristigen Index-Investierens bietet nicht genug Material, um täglich „heiße Tipps“ und „Analysen“ herauszubringen. Letztere aber lassen sich beständig in Klicks, Werbeeinnahmen und Provisionen umsetzen. Und es gibt immer noch genug Glücksritter, die es mit Einzelaktieninvestments versuchen. Die der Meinung sind, aus der Analyse von Geschäftsberichten einen Vorteil gegenüber all den anderen Marktteilnehmern erzielen zu können. Oder mit Hilfe von Tipps von Investment-Websites und Foren die Marktrendite zu übertreffen. Dabei ist es wahrscheinlicher, mit einer kleineren Anzahl Einzelaktien die Marktrendite deutlich zu verfehlen.

Wer allerdings mit seinem Geld zocken möchte, kann an Einzelaktien seine Freude haben. Auf Kosten seiner Rendite.
Folgende Aussage zu Wirecard ist ja nicht falsch:

„Sollte es zu keinerlei Unregelmäßigkeiten kommen, halte ich es für wahrscheinlich, dass die Aktie einen deutlichen Freudensprung machen wird. Sollte es allerdings eine Überraschung nach Art des KPMG-Berichts geben, wird es wohl mal wieder einen Kursrutsch geben.“.

onvista / fool.de, 11.06.2020

Ja Donnerwetter: Ein dem Markt bisher unbekanntes Ereignis wird die Kursentwicklung beeinflussen! Bericht gut oder Bericht schlecht. Freudensprung oder Kursrutsch. Darauf kann ich wetten. Auf rot oder schwarz setzen. Aber was hat das noch mit Investieren zu tun?
Und auch das Studium oder Anfertigen von „Fundamentalanalysen“ oder „Chartanalysen“ ist sinnlos. Die mageren Erkenntnisse solcher Überlegungen sind den anderen Marktteilnehmern längst bekannt und in den Kursen weitestgehend eingepreist. Die Märkte sind nicht zu 100% effizient. Aber dass heißt nicht, dass gerade Du es schaffst, diese Ineffizienzen systematisch auszunutzen. Das wird Dir aber die Website nicht verraten, die Dir Artikel zu Einzelaktien auftischt.

Was reimt sich auf DAX? Sucks!

Wer sich mit Einzelaktieninvestments die Finger verbrannt hat, kann daraus zwei Schlüsse ziehen. Entweder er verteufelt den Aktienmarkt als Casino und kehrt der aussichtsreichsten Assetklasse komplett den Rücken. Oder er lernt aus seinen Fehlern und überdenkt seine Strategie. Idealerweise nimmt er dabei seriöse Untersuchungen zur Kenntnis und landet dann höchstwahrscheinlich beim Indexing.

Wer in Deutschland „Index“ hört, denkt aber leider oft an den „Deutschen Aktienindex“ DAX. Und das ist ein schlechter Index. Er umfasst nur Unternehmen aus einem kleinen, exportabhängigen Land. Er ist mit nur 30 Unternehmen schlecht diversifiziert. Unternehmen mit starkem Wachstum werden erst in den Index aufgenommen, nachdem dieses Wachstum größtenteils vorüber ist. Umgekehrt werden Unternehmen nach schlechter Kursentwicklung aus dem Index entfernt, bevor sie die Chance auf eine Erholung haben.
Und nun ist auch noch eines der 30 Unternehmen in einen Bilanzskandal verwickelt! Andererseits ist man von DAX-Unternehmen Negativnachrichten gewöhnt: Telekom-Hype, VW-Abgasskandal, Bayer-Glyphosatstreit, all die Schweinereien der Deutschen Bank…

Ich lese jetzt häufig, wie schade das alles für die „Deutsche Aktienkultur“ sei. Was soll das für eine Kultur sein? Es geht doch vielmehr um Bildung! Wer in wenige Einzeltitel investiert, Geld verliert und dann frustriert aufgibt, zieht einfach nicht die richtigen Schlüsse. Wer nach Schuldigen sucht statt nach Fehlern in seinem eigenen Handeln, hat die falsche Einstellung. Wer hingegen den gedanklichen Sprung geschafft hat hin zu einer robusten, evidenzbasierten Strategie, der lässt sich auch nicht durch schlechte Neuigkeiten einzelner Unternehmen aus der Ruhe bringen. Er kann sie getrost ignorieren. Und kann Wirecard ganz schnell vergessen.

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