Kostonaly – Bilanz der Zukunft

Im Osterurlaub am Chiemsee fielen mir zwei Bücher von André Kostolany in die Hand: «Bilanz der Zukunft» von 1995 und «Die Kunst, über Geld nachzudenken» von 1999. Obwohl mir etliche Zitate Kostonalys bekannt sind, so hatte ich doch keines seiner dreizehn Bücher gelesen. Also habe ich mir die beiden Werke zu Gemüte geführt.

Sie sind faszinierende Zeugnisse eines bewegten Lebens. Kostonaly, der vor allem in Deutschland durch seine Bücher, Seminare und Auftritte in Talkshows bekannt war, wurde 1906 (ja, vor 120 Jahren) in Ungarn geboren. Gelebt hat er in seinem Geburtsland, in Frankreich, Deutschland und den USA. Er schreibt darüber, an 70 Börsen und in allen möglichen Assetklasse spekuliert zu haben. Dabei hat er zwei Weltkriege, zahlreiche Wirtschaftskrisen (inkl. 1929) und sogar noch den Dotcom-Boom mit- und finanziell überlebt!

Stolz beschreibt Kostonaly seine erfolgreichen Spekulationen, ob mit zaristischen Anleihen oder Chrysler-Aktien. Er gibt unumwunden zu, mehrfach pleite gewesen zu sein und Glück gehabt zu haben. Er schreibt vage von «Gefühl» und «Intuition», sowie von der Fähigkeit, Nachrichten zu interpretieren wie es andere nicht können. Wenn ihm ein Papier «schlaflose Nächte» bereitete, so verkaufte er es. Er hat sein Vermögen mit konzentrierten Wetten, Leerverkäufen und Markettiming gemacht.
Das ist natürlich so ziemlich das Gegenteil von indexbasiertem Buy and Hold!
Ich denke, Survivorship Bias spielt hier eine grosse Rolle: wenn Kostonaly keinen Erfolg gehabt hätte, wenn er nicht irgendwann aufgehört hätte mit dem Spekulieren – dann hätten wir nie von ihm gehört!
Zugute halte ich ihm, dass er niemals empfiehlt, es ihm nachzumachen.
Im Gegenteil, der Allgemeinheit empfiehlt er langfristige Aktienanlagen (was für ihn mindestens fünf Jahre bedeutet), und zwar niemals auf Kredit und ohne Branchenwetten. Home Bias sei hingegen OK.
Kostonaly unterscheidet Spieler, Spekulanten und (langfristige) Anleger:

«Wenn ich ehrlich bin, würde ich jedem Leser raten, sich in das Lager der Anleger zu schlagen. Sie erzielen im Durchschnitt die beste Performance aller Börsenteilnehmer, denn auch von den Spekulanten gehört nur eine Minderheit zu den Gewinnern»

und

«Ich würde weiss Gott niemandem zuraten, Spekulant zu werden».

Kostonaly erkennt auch an, dass Fondsmanager allgemein nicht nützlich sind:

«die Performance von Portfolio-Managern ist mehrheitlich schlechter als die von Hausfrauen, die ein und dieselben Aktien 30 Jahre lang halten.»

Allerdings hebt er einen entscheidenden Mehrwert von Fonds hervor:

«Durch Investmentfonds kann jeder kleine Sparer an der wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben. Schon mit geringen Mitteln […] kann man Anteile kaufen und […] den industriellen Sprung nach vorn mitmachen. Ich sehe darin auch das beste Mittel gegen marxistische Propaganda»

«Die kleinen Aktienbesitzer stellen die beste Bastion gegen den Kommunismus dar, denn sie setzen den demokratischen und liberalen Kapitalismus bei der breiten Masse in die Praxis um.»


So ähnlich erkläre ich das auch immer: wenn die Bevölkerung mehrheitlich die Aktien eines Unternehmens hält, dann ist dieses quasi ein VEB. (VEB war die Bezeichnung für «Volkseigene Betriebe» in der DDR. Wenn etwas allerdings allen «gehört», ohne jegliche Anreizstruktur, dann fühlt sich niemand mehr dafür verantwortlich. Deshalb ist «skin in the game», die persönliche risikoreiche Beteiligung so wichtig.)
Abgesehen von solchen politischen Betrachtungen ergibt sich aus den Aussagen «Portfolio-Manager sind schlecht» und «Investmenfonds sind gut» die Konsequenz, dass passive (Index)fonds gut sein müssen.

Interessant: Kostonalys selbsternannter Freund Stefan Riße, der für Vor- bzw. Nachwort der beiden Bücher verantwortlich zeichnet, hatte selbst einen Fonds gemanaget und ist mit seinen (Short-)Spekulationen kläglichst gescheitert. Minus 50% im positiven Marktumfeld Anfang 2013 bis Ende 2015 sprechen eine deutliche Sprache! Der Fonds hiess «Riße Inflation Opportunities» (ISIN: DE000A1JUWR3). Dies als praktisches, nachvollziehbares Beispiel für einen «Schüler» Kostonalys!
Herr Riße gibt übrigens auch heute noch Einschätzungen und Empfehlungen zum besten. Letztes Beispiel: am 07.03.2026 befand er beim S&P-Stand von 6617 «Jetzt bloß nicht Aktien kaufen, nur weil die Kanonen donnern». Index-Stand heute: über 7000. Wirklich lachen können wir über seine Empfehlung allerdings erst in zehn Jahren.

Dass die Börse Massenpsychologie ist, erklärt Kostonaly anschaulich mit seinem bekannten Bild der «zittrigen» und «hartgesottenen» Hände, welche die Aktien in verschiedenen Börsenphasen halten bzw. handeln. Seinem Modell «Ei des Kostonaly» liegt die Annahme der identifizierbaren Hausse- und Baissephasen zugrunde.
Ich bin gespannt, wann es mal wieder eine längere Baisse gibt!
Seit 2008 hatten wir die Grosse Finanzkrise, die Euro-Schuldenkrise 2011, die Covid-Pandemie 2020, den Krieg gegen die Ukraine seit 2022, den Irankrieg 2026 – allesamt haben nur zu sehr kurzfristigen Börsenrückgängen geführt.
Das Spekulieren auf eine Baisse, sei es mit riskanten Shortpositionen oder einfach durch Warten auf «günstigere» Kaufkurse, hat sich zwei eineinhalb Jahrzehnten für die wenigsten gelohnt.
So wie es der Stand der Wissenschaft vorhersagt, auch wenn ich im Bereich der Ökonomie meine Probleme mit dem Begriff der «Wissenschaft» habe.

Über Chartanalysen und -analysten macht sich Kostolany einerseits lustig, andererseits meint er Dinge aus historischen Charts von Einzelwerten herauslesen zu können. Insbesondere M- und W-Chartmuster hätten eine gewisse Aussagekraft: Wenn nach einer Aufwärtsbewegung mehrmals eine M-Form entsteht, liege evtl. eine grosse Verkaufsorder im Markt und ein gewisser Kurs könne nicht übertroffen werden. Umgekehrt verhielte es sich mit W-Formen, wo nach einem Rückgang ein gewisser Unterstützungskurs «hält».
Charts eines Index‘ misst Kostolany übrigens keinerlei Bedeutung bei. Sie seien wie die Durchschnittsfieberwerte vieler und daher ungeeignet für die Diagnose eines einzelnen Patienten. Ich finde die Analogie nicht schlecht. Aber hat nicht gerade der Durchschnittsfieberwert eine Aussagekraft über die Gesundheit einer ganzen Bevölkerungsgruppe?

Prognosen hat Kostonaly auch für uns parat (wie gesagt, das war 1995):

«Das neue Zeitalter ist eine Pax Americana […]. Der Friede ist dadurch auf lange Zeit gesichert».
«Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion ist der Weltfrieden […] so sicher, wie er seit 1912 nicht war.»

Jetzt ist die Frage, wie man «Weltfrieden» definiert. Es gab keinen weiteren Weltkrieg, zugegeben. Wann der «Pax Americana» endete, werden Historiker beurteilen müssen. Ich schreibe diese Zeilen übrigens einen Tag, nachdem der amerikanische Präsident mit dem Tod (manche Medien sprechen auch von «Auslöschung») der iranischen Zivilisation gedroht hat.
Zum amerikanischen Politikbetrieb analysiert Kostonaly:

«Beide Parteien stehen fest auf dem Sockel der kapitalistischen Philosophie.»

«Die Lager der Befürworter und Gegner [von Gesetzesvorlagen] sind stets gemischt»

«Es spielt in den USA daher auch überhaupt keine Rolle, welcher Partei der Präsident angehört und ob die Demokraten oder die Republikaner die Mehrheit im Kongress stellen».

Die Entwicklung Russlands hat Kostolany eher falsch eingeschätzt:

«Ich bleibe bei drei Währungen für die ganze Welt. Doch der Rubel fällt weg und wird ersetzt durch eine gemeinsame europäische Währung, die dann auch Russland und die ehemaligen Satellitenstaaten der Sowjetunion gilt. Der Yen wird die Währung Asiens und des gesamten pazifischen Raums».

Er gibt dabei keinen Zeitraum an, genau das was er bei Prognosen anderer anderer Analysten kritisiert.

Auch für Deutschland ist Kostonaly zu seiner Zeit optimistisch:

«[ich sehe] eine Wirtschaftseuphorie, insbesondere in Deutschland, wo ich mit einem zweiten Wirtschaftwunder rechne»

«Dem zweiten deutschen Wirtschaftwunder stehts nichts mehr im Weg»

«Die Entwicklung in den fünf neuen Bundesländern ist doch kolossal»

«Und ich bin davon überzeugt, dass danach auf dem Gebiet der neuen Länder der modernste Wirtschaftsstandort Europs, wenn nicht der Welt entsteht»

«Und es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass in zehn Jahren die «Wessis» neidisch zu den «Ossis» hinüberschielen»

Fünf Jahre später (1999) schiebt er das Ausbleiben des deutschen Booms übrigens auf die Stabilitätspolitik der deutschen Bundesbank, dessen Präsident Schlesinger er sehr persönlich angeht.
Für Kostolany ist Liquidität (Geld) der Treiber einer jeden Börsenhausse, insofern ist er gegenüber Sparbemühungen voreingenommen.
Bzgl. des Euros schreibt er 1995:

«Ich glaube nicht, dass irgendein Politiker […] daran glaubt, dass man bis zum Ende unseres Jahrzehnts die gemeinsame Währung einführen kann»

«Ich sage damit nicht, dass die europäische Währung niemals kommen wird, ich werde sie aber bestimmt nicht mehr erleben».

(Tatsächliche Einführung des Euro: 1.1.1999 (Buchgeld) und 1.1.2002 (Bargeld). Todesdatum Kostonaly: 14.9.1999.)
Allerdings sieht er den Euro und dessen Vorläufer ECU nicht als Währung an, sondern eher wie einen Aktienindex. Es bräuchte eine supranationale Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik vor einer Währungsunion, um eine einheitliche Entwicklung von Löhnen, Produktivität und Steuern zu ermöglichen.

«Sollten gewisse Ultra-Europäer in ihrem überstürzten Ehrgeiz Europa die gemeinsame Währung vor dem Erreichen dieser einheitlichen Entwicklung überstülpen, wird dies schlimme Folgen haben und den Einigungsprozess um Jahrzehnte zurückwerfen.»

Das könnte sich als prophetisch oder übertrieben erwiesen. Andere Themen sind erstaunlich aktuell:

«Die westlichen Länder […] müssen und werden alles daransetzen, dass die feindlich gesinnten Länder des Nahen Ostens keine Atomwaffen erhalten. [der israelische Ministerpräsident] Rabin hat bereits erklärt, dass sie, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Atomwaffenanlage der Iraner sofort zerstören würden».

Wobei sich die politische Haltung des von einem rechtsextremen Siedler ermordeten Rabins doch stark unterschied von der des heutigen israelischen Premiers Netanjahu.

Was sich hingegen nicht geändert hat: der Zustand, dass die meisten «Börsengurus» Crashpropheten sind. Dies arbeitet Kostolany scharfsinnig und polemisch heraus.

Unterm Strich sehe ich einen faszinierenden Einblick in die Börsenwelt «von damals». Berichte über Treffen mit Angehörigen der Familien Rothschild, Strauss oder Cartier bergen eine gewisse Faszination.
Praktische Hinweise, neben dem allgemeinen Plädoyer für die Aktienanlage, möchte Kostolany bewusst nicht geben.

Sich mit Börsengeschichte auszukennen hilft, aktuelle Entwicklungen einordnen zu können. Was den Unterschied machen kann zwischen panikartigem Verkauf und der nötigen Gelassenheit, um Kursrückgänge einfach auszusitzen.
Die beiden Bücher zeigen aber auch wieder einmal, dass Zukunftsprognosen sehr selten eintreffen.
Enttäuschend fand ich, dass sich in beiden Büchen ganze Abschnitte wortwörtlich wiederholen!

Ein paar weitere Highlights in loser Reihenfolge:

  • 1999 schrieb Kostonaly: «Seit einigen Jahren kämpfen die amerikanische Banken für eine Aufhebung des Trennbankensystem»
    Zur Erinnerung: nach den verheerenden Verwerfungen 1929 führte der US-Präsident Roosevelt umfangreiche Bankenregulierungen ein (das «Trennbankensystem»). Der erwähnte Kampf dagegen war dann Anfang der 2000er erfolgreich (aus Sicht der Banken!). Diese Deregulierung führte 2008 zur ersten grossen Finanzkrise seit fast 80 Jahren. (Mehr zu diesem Thema siehe die oskarprämierte Dokumentation «Inside Job» von 2010)
  • Kostonaly wettert gegen theoretische Ökonomen und «Nobelpreisträger» (auch er schafft es nicht, den Preis korrekt als «Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften» zu benennen, obwohl Alfred Nobel Kostolanys Abscheu gegenüber den Wirtschaftswissenschaften teilte). Vor allem gegen die Preisträger von 1990, die drei Professoren Markowitz, Miller und Sharpe. Er nennt ihre Erkenntnisse «Binsenwahrheiten». Ich denke, nicht die Erkenntnisse, sondern deren Begründung war das aus Sicht des Komitees preiswürdige. Ansonsten teile ich seine Skepsis gegenüber den Erkenntnissen und dem Einfluss öffentlichkeitswirksamer Wirtschaftswissenschaftler. Man denke nur an die LTCM-Krise, ausgelöst von Spekulationen, in die der Preisträger Prof. Myron Scholes verwickelt war. Die deutsche Wikipedia schreibt Stand heute: «2005 wurde Scholes wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 40 Millionen USD im Zusammenhang mit ungerechtfertigten Abschreibungen bei LTCM verurteilt.» Das ist allerdings eine Fehlinformation, wie ich im Rahmen meiner Recherchen für diesen Artikel bemerkte. Juristische Feinheiten sind wichtig!
  • Nett fand ich die Erklärung von Sozialismus und Kapitalismus anhand von Kuchen:
    Im Sozialismus gibt es einen kleinen Kuchen, und alle bekommen ein gleich grosses Stück. Im Kapitalismus ist der Kuchen grösser und wird ungleichmässig verteilt. Und dabei ist das kleinste Stück immer noch grösser als das Einheitsstück im Sozialismus.
    Das ist zwar in dieser Allgemeinheit leicht widerlegbar, trotzdem eine sinnvolle Abstraktions des sozialistischen Systemfehlers.
  • «Wer zu sehr an seinem Geld klebt, kann es nicht investieren, weil er jedes Risiko scheut, es zu investieren. Das ist das Problem der Deutschen, die ihre heilige Mark anbeten und deshalb Milliarden auf dem Sparbuch liegen haben.»
    Die Mark ist zwar Geschichte, aber die deutsche Aktienkultur ist leider immer noch unterentwickelt. Es gibt aber mittlerweile konkrete Bestrebungen, so etwas wie die Schweizer Säule 3a oder die amerikanischen 401(k) auch in Deutschland zu etablieren («Aktienrente»?), wenn auch wie so häufig mit viel zu niedrigen Freibeträgen.
  • «Kauft Aktien! Den grössten Teil der Rendite bringen sie ihrem Besitzer durch Kursgewinne, und die sind in Deutschland nach sechs Monaten steuerfrei.» – schön wär’s. Aber siehe vorheriger Punkt: vielleicht sind die Aktienrenten-Depots ja steuerbefreit?

Das letzte Buch Kostolanys endet mit einer nachdenklichen, warnenden Geschichte und der Moral:
vergesst das Leben nicht über das Spekulieren.

In diesem Sinne: spekuliert ab besten gar nicht, legt langfristig passiv an, und geniesst vor allem das Leben!

2 Gedanken zu „Kostonaly – Bilanz der Zukunft“

  1. ETF tracking differences are a crucial metric that many investors overlook. This analysis of cost structures provides valuable transparency for making informed investment decisions.

    Antworten
  2. Sehr interessanter und reflektierter Einblick in eine wissenschaftlich fundierte, langfristige Anlagestrategie – besonders wertvoll ist die klare Trennung zwischen Einkommenssteigerung, Ausgabenkontrolle und Investition als drei gleichrangigen Säulen. Gerne ergänze ich diesen Ansatz mit praktischen Tools zur automatisierten Auswertung von Tracking Differences und Kostenvergleichen: Auf [https://ieltswritinganalytics.com](https://ieltswritinganalytics.com) (mein Blog zu ETF-Analyse & Transparenz) stelle ich u. a. kostenlose Rechner und aktuelle Benchmark-Vergleiche bereit – hilfreich, um die eigene Strategie objektiv zu hinterfragen und langfristig zu optimieren.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar